Deine Zärtlichkeit in Scherben

Der Kerzenleuchter erleuchtet den Raum und wirft tiefe Schatten hinter den zahlreichen kleinen Gegenständen an die weißen Wände meines Zimmers. Vollkommene Stille durchzieht den gesamten Raum. Pachoulieduft liegt träge in einer dicken Nebelwolke in der Luft. Du liegst so schön da auf meinem Bett, schaust mich an mit deinen schwarzen Augen. Ich sitze dir gegenüber, beobachte alle deine Bewegungen. Kein Moment vergeht ohne meine abtastende Blicke auf deinem weißen Leib. Du fühlst dich sichtlich wohl, und rekelst dich erregt, während du mit deinen Fingern langsam die Innenseite deiner Beine hochfährst, zitterst vor Verlangen, schreit eine ungebändigte Lust in deinem Körper. Deine Lippen beben, doch du bleibst stumm. Sündig schau ich dir dabei zu, angetan von deinem weißen Antlitz, kein einzigen Blick verschwende ich an das Weinglas, was ich langsam zu meinem Mund führe. Der rote Tropfen brennt sich langsam verheerend meine Kehle hinunter. Während du verführerisch deine Augen schließt, stöhnst du leise auf und dein ganzer Körper zuckt sanft zusammen. Mein Verlangen schreit nun immer stärker danach dich zu küssen. Jeder Moment eine Ewigkeit, die Zeit scheint stillzustehen. Ein Blick durch die Vorhänge, die wie ein Gitter auf mich wirken, am Fenster verrät mir, dass die Sonne bald aufgehen wird und so einen neuen Tag begrüßt. Als sich mein Blick wieder voll und ganz dir zuwendet, hast du schon den Zeigefinger erhoben und bittest mich somit befehlend heranzutreten. Ich schaue mich noch einmal um, als wollt ich sichergehen, dass du auch wirklich mich meinst. Mit einem fiesen Grinsen und leuchtenden Augen entgegne ich dir. Was muss ich für ein Bild abgeben? In schwerem Leder gekleidet, mit ins Gesicht fallenden schwarzen Haaren und der tiefen Blässe im Gesicht. Mein Herz bebt und in den Venen pumpen alle Blutbahnen. Im flackernden Kerzenschein sehe ich richtig böse aus. Für viele Momente passierte gar nichts, du rufst mich monoton mit deinem Zeigefinger und meine Augen starren dich nur an. An mir fährt der Film unserer Liebe vorbei. Ich muss mich besinnen. Schnell schiebe ich das Vergangene im Gedanken bei Seite, damit ich mich voll auf deine verführerische Geste einlassen kann. Es zählt nur das hier und jetzt. Tatsächlich ist aber kaum Zeit vergangen und noch immer steht dein Befehl. Du öffnest deine Lippen und willst das Schweigen brechen. Schon wieder vergeht scheinbar eine Ewigkeit, bevor die wenigen Worte deinen Mund verlassen. „Ich tue alles was du verlangst, wenn du meinen Hunger nach Liebe stillst, damit ich überleben kann.“, hallt es in den Raum. Damit hast du jeden Widerstand in mir gebrochen.

Klirrend zerspringt das Glas, aus meiner Hand, zu Boden. Einige Weintropfen spritzen an meine schweren Stiefel, während sich der größte Fluss darum verbreitet. Doch dies ist unwichtig. Alleine du zählst jetzt. Langsam und majestätisch erhebe ich mich, aus dem alten Möbelstück. Mit festem Gang, jedoch bedächtig, trete ich einige Schritte an dich heran. Kurzzeitig bilde ich mir ein, Angst in deinen Kinderaugen zu sehen, doch es ändert sich schlagartig in Begierde und Verlangen. Glasscherben zerplatzen knirschend unter meinen Stiefeln. Mein Blick fällt nun genau zwischen deinen angewinkelten Beinen auf dein Gesicht. Als wolltest du nicht, dass ich mich an deinen Stolz umrahmt vom schwarzen Haar ergötze, schließt du die Beine. Genau vor dir halte ich inne, langsam lege ich meine Hände auf deine Knie. Ein eiskaltes Gefühl durchdringt meine feurigen Finger und fährt schnell hinauf zu meinen Armen. Du schreckst zusammen und stöhnst lustvoll auf. Deine Beine zu öffnen, ist mir ein leichtes Spiel und deine Hände umschlingen meinen Hals. Du ziehst mich schnell an dich heran, ich beginne dich zärtlich zu küssen auf Bauch und Brust. Das Licht kleidet unser Treiben in goldenen Strahlen. Dein Schweiß ist kalt und feucht, schafft irgendwie keine Nähe, nur einzig einen salzigen Geschmack auf meinen Lippen. Wenn ich es nicht besser wüsste, blieb mir die Hoffnung, dass es sich ändert. Ein Blick in dein Gesicht verrät mir, dass du eine Maske trägst. Warum kannst du dich nicht zeigen, wie du bist? Es fühlt sich an wie ein Krieg zwischen Feuer und Eis. Meine brennende Liebe auf deiner glatten Haut. Möchtest dich gerne mir offenbaren, doch es fällt dir viel zu schwer. Möchte dir so gerne, was von meiner Wärme geben, doch du scheinst ewig kalt. Dein Gesicht zeigt mir ein letztes, schwaches lächeln, es formt sich zu einem Schrei, du kreischt: „Lass mich nicht los! Ich sehne mich nach deiner Nähe“. Ich verliere mich in dir. Ein Teufelspakt. Nimm ein Stück von meiner Flamme, die sich Liebe nennt.

Deine Maske ist wohl gewählt, zeigt kein Stück von deiner Wärme. Jetzt möchte ich gerne wissen was hinter deinen trüben Augen vorgeht. Was deine Gedankenwelt wohl für ein dunkles Spiel spinnt. Nur wenige Augenblicke mehr, sollen es mir bald verraten. Der weite Weg zu deinem Gesicht wird ein sicheres Ende finden, meine Belohnung wird ein Kuss auf deine Lippen sein. Deine Kälte lässt mich fast erfrieren und ich fühle mich betäubt. Deine Anspannung verrät mir, dass du auch einen stechenden Schmerz verspürst. Noch ist dieser Schmerz schwach, aber mir bleibt ja noch eine ganze Nacht. Dein Atem flacht zunehmend ab, er kratzt und beißt in deiner Lunge. So schwerfällig schleicht er die Luftröhre zur Lunge entlang. Der Zeiger der Uhr stolpert bei jedem Schritt, den er tut. Bleibt scheinbar eine Ewigkeit auf einer Ziffer und schreitet nur widerwillig weiter. Eine vollkommene Stille umnebelt den Raum, hüllt ihn in ein Szenario des Schweigens. Plötzlich dringt ein Gebrüll des Wahnsinns aus deiner Kehle: „Komm berühre mich, packe mich fest an… lass mich deine Liebe spüren, komm in meine Einsamkeit!… Ich brauch dich immer mehr, nur dann fühle ich mich frei“.
Du lachst… doch es klingt wie von einem Band. Wahre Lust empfindest du nicht, bestenfalls ist es der Schmerz meiner Wärme, der auf deinem kalten Leib brennt. Ich kann deinen Schmerz nicht erwidern, du schläfst mit mir wie unter Zwang. Meine Wärme schneidet tiefe Wunden in dein Fleisch. Wunden die nicht verheilen, ewig brennen und dich ewig quälen. Mein Kuss, auf deine roten Lippen, trifft den innersten Punkt in deinem Seelenreich. Du hast dich an mir verbrannt. Ein erneuter Blick in deine schwarzen Augen zeigt mir eine neue Grimasse. Er zeigt mir Augen wie Lügen, die meine Seele stehlen wollen. Er zeigt mir dein wahres ewig kaltes Herz. Etwas Fremdes wohnt in dir, trägt dein Gesicht. Ein wildes Tier kämpft sich in dir frei. Dein Kopf ist voll von Todesphantasien. Schnell wendest du dein Antlitz weg von mir. Damit ich nicht noch mehr in deinen Abgrund hineinschauen kann. Dein Blick schweift suchend durch den Raum, träg und schwach. Zielstrebig bleiben deine Augen an einen funkelnden Gegenstand hängen. Ein silberner Dolch.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Jede meiner schnellsten Bewegungen wäre zu langsam. Eine Handbewegung, schon hältst du den Griff fest umschlungen. Du hast dich an mir verbrannt, nun träumst du davon mich zu quälen bis aufs Blut. Ich merke wie rasant sich dein weißer Körper aufheizt. Du kannst doch Wärme empfinden. Du sehntest dich nach Nähe, doch jetzt wird es dir zu viel. Du willst dich von mir nähren, von meiner Wärme leben. Die Wärme die du jetzt im Herzen verspürst, gehört mir. Es reicht dir nicht. Du brauchst mehr, viel mehr. Du willst deine eigene Wärme verspüren. Du bist der Strom, der sich alles einverleibt.

Ein Stich in mein Herz. Komm dreh den Dolch, einmal, zweimal, drei Mal. Das Gefühl, was ich empfinde ist unbeschreiblich. Es ist irgendwie kristallkalt, starr und zerstört jegliches Leben in mir. Es zehrt am inneren Feuer und erstickt es mit einem Netz aus Schnee. Es breitet sich langsam aber bebend in meinem Körper aus. Mein Herz erstarrt zu Eis. Ich kann meine Bewegungen nicht mehr kontrollieren und sinke in deine Arme hinein. Du siehst die Angst in meinen Augen. Ein Loch in meiner Brust. Spürst du auch den Stahl in meiner Wunde? Kein Schrei dringt aus meiner Kehle, nur bleiernes Schweigen bestenfalls. Mein Herz schlägt nicht mehr, nicht einmal der Schmerz trägt es weiter. Doch, diesen Schmerz möchte ich nicht auch noch missen. Er ist doch das Einzige was mir von dir bleibt. Du hast es vollbracht, du hast mich getötet. Dies ist das Ende, des Albtraums der mein Leben ist. Ich liege leblos auf dir, wie eine Puppe. Sieh mich an, wie ein Brocken totes Fleisch! Du lachst nicht mehr. Was ist los, du weichst zurück von mir. Dich überkommt der Ekel. Du kratzt, fauchst und beißt. Schnell willst du dich mir entledigen. Du hast dich mit meinem Blut besudelt. Dein Körper ist eine einzige Wunde, jede Berührung brennt wie Feuer auf deiner nackten Haut. So schnell wie nur möglich willst du weg von hier, weg von mir und weg von deinen Gedanken. Du befreist dich von meinem leblosen Körper, weichst zurück von mir. Was ist los? Du wirst auf einmal wieder einsam. Gut das ich noch da liege, denn du bist nicht gerne Alleine. Große Tränen waschen das Schwarz aus deinen Augen. Im Zimmer suchst du deine Kleidung zusammen, machst dich fertig zu verschwinden. Du stolperst voran, so schnell du kannst, doch alles rast an dir vorbei. Tränen wollen dir die schnelle Flucht verweigern. Du taumelst zum Licht des Türfensters. Es gibt Nichts was dich hier noch hält, reißt die Tür auf und frische Luft strömt herein. Ein letztes Mal fällt dein Blick auf mich. Es war Liebe, auf den ersten Blick, auf den letzten Blick, auf jeden Blick. Wenn du gehst, bleibt es kalt und dunkel. Ich mag es nicht allein, lass mich nicht im Dunkel zurück, alleine mit den Schatten. Doch auf dich wartet Draußen das Leben. Bitte bleib. Eine zitternde Hand, ein schwankender Schritt, und du verschwindest als Schatten hinter der Tür. Dein Selbstbetrug hat Stil, du hast gelernt zu rennen, doch du wirst nie an dein Ziel kommen.

Ich habe dich besinnungslos geliebt. Nun warte ich Tag für Tag auf deine Heimkehr. Wann findest du den Weg zurück zu mir? Es ist so still in diesem Haus. Mein Geist kommt nur her um hier zu schweigen, zu weinen. Mein Tag ist so lang, mein Tag ist so leer, er nimmt kein Ende. Der Schmerz in meiner Seele ist stumpf und schwer. Doch das alles weißt du nicht. Du hast mich in der Enge meiner Gruft zurückgelassen, bist bestimmt schon im nächsten Bett und sammelst neue Wut. Kannst ja schließlich nichts vermissen was du nie hattest. Du wirst nie erfahren was wahre Liebe ist. Zuneigung und Nähe werden dir immer fremd bleiben. Selbst Wärme wird immer Narben auf deinen Körper malen. Doch ich vermisse dich. Deine eingeschränkte Liebe zu mir, war mir es Wert, dafür zu kämpfen, dafür mein Leben zu geben. Jetzt weiß ich was du meintest, als du sagtest, was es heißt zu überleben.

Rypzylon, den 6. Juni 2004

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