Cassandra und ihre Schattenangst

Cassandra und ihre Schattenangst

Es war arschkalt, als Cassandra spät in der Nacht das Atelier verließ. Wie so oft, hat sie sich so sehr in ihre künstlerische Arbeit vertieft, dass es währenddessen schon stockduster war.
Mit einem kurzen, furchtsamen Blick vergewisserte sie sich, dass die Laternen ihren Weg beleuchteten und zog sich dann die Kapuze über den Kopf um daraufhin bedachten Schrittes loszugehen. Sie war eine schöne Frau. Schwarzes welliges Haar, was ihr ins Gesicht fiel, vornehme blasse Haut, kleine spitze Nase und verführerische Lippen. Mit eingezogenen Schultern schritt sie über das Kopfsteinpflaster. Kein Wesen war mehr auf der Straße, nur hin und wieder war ein Auto in der Ferne zu hören.

Ihre Augen wanderten ständig über den Gehsteig, als suchten sie Unebenheiten oder glatte Stellen. Ihre Augen funkelten dunkelgrün im Laternenlicht. Immer wieder fuhr ihr Kopf ruckartig hoch und sah benebelt nach links und rechts. Es war aber nicht die Angst vor Räubern oder Vagabunden, die sie überfallen könnten. Es war auch nicht der Wunsch, ein Taxi zu erspähen, das sie nach Hause bringen konnte. Nein, Cassandra wohnte nicht weit von ihrem Atelier entfernt. Das schaffte sie auch bequem alleine. Zudem tut ja frische Nachtluft gut. Jedes mal nach dem arbeiten sehnt sie sich nach dieser kühlen Nachtluft. Sie blickte hoch zu den Neubauten. Nur noch wenige Lichter brannten hinter den kleinen Fenstern. Sie liebte die Nacht. Sie gaben ihr eine Art Ruhe, Nachdenklichkeit, Unbehagen, ja Freiheit.
Der Mond wird ihr den Weg schon weisen. Es gab jedoch eine Sache die Cassandra an der Nacht nicht leiden konnte:

Cassandra hatte Angst vor den Schatten in der Dunkelheit.

Diese Angst befiel sie das erste Mal nach einem schweren Unfall, der ihr fast das Leben gekostet hätte. Damals ging sie eine Treppe im Einkaufszentrum runter und eine fremde Person, die viel zu schnell die Treppe rauf raste, schuppste sie nieder. Die Person schien vor etwas zu flüchten. Daraufhin verlor Cassandra den Halt und fiel. Sie spürte damals nur einen harten Schlag gegen ihre Seite, dann wurde ihr schwarz vor den Augen. Das nächste, woran sie sich erinnern konnte, war das Bett im Krankenhaus, in dem sie wieder erwachte. Die Ärzte waren sehr verwundert, da sie in großer Lebensgefahr schwebte. Ihre Schulter war zerschmettert und die Lunge schwer verletzt. Nur mit viel Glück und ihrer robusten Gesundheit überlebte sie den Unfall.

Kurz nach ihrer Entlassung fing die Angst vor den Schatten an. Anfangs war es nur eine diffuse, nicht näher bestimmbare Furcht vor Dingen, die sich hinter ihr in der Dunkelheit abspielen konnten. Ihr eigener Schatten, der über die Wand kroch, oder die dunklen Abbilder von Vasen oder Möbelstücken, die im Schein der Gaslampen an die Wand geworfen wurden, sahen fremdartig aus. Zu diesem Zeitpunkt traute sich Cassandra noch, ihrer Angst nachzugehen und das herauszufinden, was sie an den Schatten so erschreckte. Sie untersuchte die Gegenstände, wechselte die Position der Lampen, um die Veränderungen an den Schatten anzusehen, und sie sah sich auch die Proportionen, die die Abbilder an die Wand warfen, an. Sie konnte nichts Schlimmes oder Fremdartiges daran erkennen.

Eines Tages jedoch passierte etwas, dass Cassandras Furcht steigerte.

Es war wieder einmal, wie so oft, spät geworden, und sie machte sich bereit, nach Hause zu gehen. Als sie sich den Umhang umwarf und das Licht löschen wollte, fiel ihr Blick zufällig auf ihren Schatten, den die Lampe auf die gegenüberliegende Wand warf. Was sie sah, ließ ihr einen kurzen Angstschrei ausstoßen.

Der Schatten, ihres eigenes Abbild, war hässlich verzerrt; der Kopf war riesig, die Arme unerklärlich dick und ihre Beine krumm und gebogen. Sie war so deformiert, dass dies unmöglich durch eine verzerrte Perspektive entstanden sein konnte. Der Schatten schien auch merkwürdig zu flimmern. Das Schlimmste jedoch war, das er sich bewegte, obwohl Cassandra starr vor Angst wie angewurzelt auf der Stelle stand. Die Bewegungen waren nur sehr klein. Hin und wieder rückte der unförmige Kopf zur Seite oder zuckte ein Finger des Schattens, doch Cassandra hatte das Gefühl, der Schatten fühlte sich entdeckt und wartete nur darauf, dass seine „Herrin“ wieder wegsehen würde.

Kurze Zeit später löste sich Cassandras Starre und sie fühlte sich wie nach einem besonders bösen Alptraum. Sie blinzelte ein paar Mal kräftig und rieb sich die Augen, sah dann nochmals auf ihren Schatten. Es fiel ihr nichts Außergewöhnliches auf, und doch glaubte sie nicht, dass sie gerade eine Einbildung oder gar Halluzination erlebt hatte.

Von diesem Zeitpunkt an vermied sie es, in beleuchtete Ecken zu sehen, bewegte sich nur langsam, um das Fremde, das scheinbar in der Dunkelheit lag und sich vor ihren Blicken versteckte, nicht zu reizen. Sie versuchte niemals schnell ihre Richtung zu ändern, wenn sie durch die Wohnung oder auf der Straße ging. Und wollte sie sich einmal rasch umdrehen, so zeigte sie dies dem „Fremden“ hinter sich an. So flüsterte sie oft „Jetzt drehe ich mich um“ oder „Ich glaube, ich werde jetzt einmal nach hinten sehen“, um ja nicht in einen verzerrten oder selbständigen Schatten blicken zu müssen. Denn eines wusste Cassandra: noch mal konnte sie ein Erlebnis wie das ihres verzerrten Schattens nicht verkraften. Ihr Leben hatte sich von Grund auf verändert.

Cassandra wurde aus ihren Gedanken an die Vergangenheit gerissen, als sie die Fremde erblickte, die durch die schemenhafte Dunkelheit auf sie zukam. Die Frau humpelte, als ob sie eine Beinverletzung hatte, die sie durch zaghafte Schritte verbergen wollte. In Gedanken versunken murmelte sie ständig vor sich hin, doch was sie sagte, konnte Cassandra nicht verstehen. Es klang wie eine Art kritisches Selbstgespräch oder Fluchen. Sie trug einen alten Umhang mit Ornamenten und umklammerte mit verkrampfter Hand eine Kampftasche. Offensichtlich war die Fremde ebenfalls ein Nachtmensch und kommt erst spät von der Arbeit.

Umso überraschter war Cassandra, als die Fremde plötzlich stehen blieb und sie mit einer merkwürdig schrillen Stimme ansprach.

„Du merkst es ebenfalls, habe ich Recht?“

„Wovon sprechen Sie bitte?“ Cassandra war stehen geblieben. Jetzt erst bemerkte sie die rotgeränderten Augen der Fremden, die unstet in die Gegend blickten, als würden sie etwas suchen, vor dem sie Angst hatten. Die Fremde hatte lange rote Haare, einen zerfetzten dunkelgrünen Rock und sah sehr mitgenommen und blass aus. Cassandra musterte sie genau.

„Ich sehe es deinem Gesicht, deinen Augen an. Du siehst auch, dass sich hinter den Schatten etwas verbirgt!“

Cassandra war entsetzt. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sollte es noch andere Menschen geben, die die schreckliche Wirklichkeit hinter der Dunkelheit erahnten?

„Du weißt so gut wie ich, dass die Schatten Dich holen möchten. Aber bleib standhaft! Sehe sie nie direkt an! Nur dann haben die Schatten Macht über Dich! Glaub mir, ich habe versucht, hinter Ihr Geheimnis zu kommen. Ich habe mit ihnen gesprochen, habe versucht, ihre wahre Gestalt zu erkennen. Und glaub mir! Diese… diese Wesen fingen an mit mir zu sprechen!“

Cassandra war bis zum Zerreißen gespannt. Sie schien in der Fremden einen Verbündeten zu haben. Eine Verfolgte, die so wie sie Angst hatte.

„Anfangs sagten sie nur unzusammenhängende Sachen. Unwesentliches, Sinnloses, mit dem ich nichts anfangen konnte. Sie schienen gar nicht zu merken, dass ich ihnen zuhörte.
Aber dann… dann stellte ich eine Frage. Ich wollte wissen, was sie von mir wollten! Warum sie mich verfolgten! Und sie gaben mir eine Antwort!“

Die Fremde steigerte ihre Stimme zu einem schrillen Kreischen, so dass Cassandra zu den Fenstern der umliegenden Häuser blickte, aus Angst, jemand könnte sie beide hören und die Polizei rufen. Aber es blieb alles merkwürdig still. Nur der Mond scheint ihnen zuzuhören.

„Sie wollten mich holen! Sie sagten, ich hätte bei einem Unfall, den ich vor langer Zeit hatte und der mich fast das Bein kostete, sterben sollen! Ich passte nicht mehr in diese Welt, meinten Sie! Meine Lebensuhr wäre bereits abgelaufen. Sie wollten mich endlich rüberholen! Kannst Du dir das vorstellen! Sie sind da, um mich zu holen!“

Cassandra wich erschreckt einen Schritt zurück. Grauen hatte sie erfasst. Die Fremde stand vor ihr, ihre Augen hatten einen irrsinnigen Glanz angenommen und ihr Mund war schrecklich verzerrt.

„Nein, nein… das kann nicht sein…“, stammelte Cassandra und stolperte rückwärts von der Fremden weg. Sie wollte nur nach Hause, fort von dieser Verrückten. Sie rannte los.
Und zum Teufel noch mal, sie würde sich nicht noch mal zur Fremden umdrehen.

„Glaub mir! Sie haben mit mir gesprochen! Ignoriere sie! Sehe die Schatten niemals an! Es könnte sonst dein letzter Blick gewesen sein! Höre auf mich!“ rief die Fremde Cassandra nach, die nun mehr rannte als ging. Sie wollte nur weg von diesem schrecklichen Ort, weg von diesem Menschen, mit dem sie ein furchtbares Wissen teilte…

Zu Hause angekommen, fasste Cassandra einen Entschluss: heute Abend, in den nächsten Stunden, wollte sie sich dem schrecklichen Geheimnis stellen. Es wurde Zeit zu kämpfen. Das Verkriechen vor den Schatten war unerträglich geworden. Die Fremde von der Straße hatte ihr die Augen geöffnet.

Sie aß ihr Abendbrot bedächtig und langsam und war irgendwie seltsam unanwesend. Es kam ihr vor, als würde sie die letzte Henkersmahlzeit zu sich nehmen. Die ganze Zeit brannten ihre starken Lampen, die beinahe jeden Winkel ausleuchteten und die gefährlichen Schatten verdrängten. Sie schaute aus dem Küchenfenster. Nichts, rein gar nichts war draußen mehr zu erkennen. Es ist stürmisch geworden, das war am pfeifen des Windes zu hören.

Nach ihrem Essen blieb Cassandra noch sitzen und sammelte ihre Gedanken. Ihr Blick schweifte in die Ferne, und sie versuchte sich ihr weiteres Vorgehen zu Recht zu legen. Dann stand sie ruckartig auf, räumte mit schnellen Bewegungen den Tisch ab und ging mit festem Schritt in ihr kleines Wohnzimmer, das noch im Dunkeln lag. Rasch durchquerte sie den Raum und setzte sich auf den alten Ledersessel, der vor ihrem wurmstichigen Tisch stand. Mit einem kleinen Streichholz zündete sie eine große weiße Kerze an und stellte sie vor sich auf den Tisch. Ruhig blickte sie auf die saubere, nur von einigen Blatt Papier bedeckte, Tischfläche und horchte in die Dunkelheit. Nichts schien sich zu rühren. Cassandra merkte es immer, wenn sich hinter ihr die Schatten bewegten. Sie hatte dafür schon einen Gefühl bekommen, und sie war sicher, dass es sie auch heute nicht verlassen würde. Sie schloss kurz die Augen um nachzudenken.

Tatsächlich spürte sie nach einigen Minuten ein zartes Kribbeln im Nacken, das ihr die Haare leicht sträubte. Es war soweit. Die Kerze leuchtete ruhig in ihrem gelben Licht, und dennoch sah sie aus den Augenwinkeln schleichende, verzerrte Schatten an der Wand, die sich langsam aus ihren Blickwinkel bewegten.

Cassandra fing an zu schwitzen. Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Normalerweise hätte sie sich nun ruhig verhalten und betont auffällig der Welt hinter ihr den Rücken zugekehrt, aber nun sammelte sie all ihren Mut und stand auf. Noch schien die veränderte Wirklichkeit hinter ihr nichts zu ahnen, das Kribbeln in ihrem Nacken wurde stärker und zeigte an, dass sich hinter ihrem Rücken unzählige Schattengestalten bewegten.

Sie stand nun vor ihrem Tisch und starrte die Kerze an. So viele Schatten, so viel Bewegung nahm sie selten war. Es schien, als ob auch die Schatten merkten, dass etwas anders war als sonst.

Cassandra drehte sich mit einem Ruck um.

Jetzt erst wurde ihr siedend heiß klar, warum die Fremde von der Straße sie gewarnt hatte.

Vor ihr war die Wirklichkeit schrecklich verzerrt. Sie stand vor einem gewaltigen Wirbel, an dessen Rändern Sie kaum ihre verzerrten Möbel erkennen konnte. Die Mitte dieses Strudels war voller wirrer Farben und schien Cassandra die Hölle zu offenbaren. Eine gespenstische Stille hatte den Raum umgangen. Nicht einmal Geräusche von der Straße konnte sie hören, als ob der Wirbel alles verschluckt hätte.

Schemenhaft erkannte Cassandra Gestalten, die sich in dem Wirbel bewegten und entfernt menschenähnlich wirkten. Es waren augenlose, tiefschwarze Schattengebilde, und doch glaubte sie, sie würden ihr bis in ihre Seele starren.

Cassandra war schweißgebadet. Ihre Hände umklammerten krampfhaft den Rand der Tischplatte hinter ihr. In dieser verzerrten Wirklichkeit war es ein angenehm vertrautes Gefühl, das kühle Holz zu spüren.

„Was wollt Ihr?“, flüsterte sie. „Warum treibt ihr mich in den Wahnsinn?“

Die Schatten schienen sie gehört zu haben. Sie wirbelten nicht mehr in dem Strudel, sondern schwebten nun ruhig vor ihr. Cassandra war sich sicher, dass sie Sie mit kalten, toten Augen anstarrten. Ihre grauenhaften fingerlosen Arme streckten sich ihr entgegen, und sie konnte ein leises Säuseln in ihren Ohren hören. Es hörte sich an wie weinende Kinder, Straßenlärm, Schüsse von Waffen, Fernsehsendungen, Geschrei von Menschen und unterschwellig hörte Cassandra ein leises: „Komm zu uns… komm zu uns…“
Es wiederholte sich ständig und halte mehrfach nach.

Mit einem Schlag wurde Cassandra bewusst, dass sie sich nie hätte umdrehen dürfen. Die Frau auf der Straße war nicht verrückt.

„Nein!“, schrie sie den Schatten zu. „Niemals!“

„Deine Zeit ist schon lange um… du hast hier nichts mehr zu suchen… ein Jahr schon suchen wir dich… du musst zu uns… du musst zu uns…“

Die Stimmen in ihren Ohren wurden immer stärker. Sie lockten sie. Sie beruhigten sie. Mit einem Mal kam ihr der Strudel nicht mehr so schrecklich vor. Er wirkte nicht mehr wie ein Tor zu Hölle. Er strahlte Ruhe aus. Ruhe und Geborgenheit. Und was war so schlimm an den Schatten und ihren Stimmen? Sie wirkten nicht mehr gefährlich.

Cassandra beruhigte sich und ließ die Tischkante los. Sie fuhr sich durch die Haare und merkte, wie der Schweiß an ihrem Körper trocknete. Vorsichtig trat sie einen Schritt vor. Es war warm in der Nähe des Wirbels, angenehm warm.

„Was geschieht mit mir. Was habt ihr vor?“, fragte sie die Schatten, die noch immer mit ausgestreckten Armen auf sie warteten.

„Hab keine Angst… hab keine Angst“

Immer weiter schritt Cassandra voran. Sie stand nun direkt vor dem Wirbel. Plötzlich packten die Schatten zu und zogen Cassandra an sich.

Mit einem Schritt stolperte sie in den Strudel hinein. In diesem Augenblick war die Angst wieder da.

Cassandra wollte schreien. Doch der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Ihre letzte Empfindung war ein Zerren an ihrem Körper, das immer stärker wurde. Dann wurde es schwarz um ihre Augen.

Tief schwarz. Stille.

Rypzylon, den 22.11.2003

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