Krisenspielplatz Balkonien

Hätten wir die Momente der Unzufriedenheit einfach unter den Fußabtreter gekehrt, könnten wir nun flauschig drüber schlürfen und unsere wabbeligen Gehirne bequem zu Bett legen. Doch 2 Sixpack Bier von der Tanke riefen zum Schichtdienstbeginn. Also betreten wir unseren Wachposten, Schutzkonstrukt in luftiger Höhe und Ausflugsort für ferne Galaxien: Der Balkon. In unseren Gedanken fahren Panzer in der aschesträhnigen Nacht. Cocktailschirmchen schützen vor unsanften Abstürzen. Niemand braucht dann den Personenschaden kurz zusammenfegen. Wie offene Fallschirme von Piloten deren Eurofighter sich vom Himmel mit lautem Getöse verabschiedet. Schleudersitze auf Zeit. Unsere Panzer zerschießen sich gegenseitig die schlecht ausgebaute Deckung. Ein jeder schaut abwechselnd verstohlen daraus hervor. Gesprächsfetzen dissoziieren sich. Du stellst dich aufs Schafott, Strick und 3.stock. Du schreist nach Aufklärung. Erklärung! Verklärung? Entklärung. Zwischenklärung und Nichtklärung!! Dann sprichst du nur noch ganz leise, ziehst dich in deine Decke zurück. Ganz gebeugt von der Stille werden wir langsam zerstört. Ein letzter Auftritt auf der Weltenbühne Balkon. Gestreckt zum Publikum und der Abgang kommt. Ein letzter Toilettengang bevor die Gedanken halluzinatorisch und alkoholgeschwängert mit der Sonne verbrennen. Ich stolpere ungeschickt an den Raufasertapeten deiner Existenzbehausung entlang. Dabei würde ich doch lieber ein Pflaster auf deine Seele kleben und dich heil machen. Meine Ratschläge waren gut gemeint, aber lieblos hingeniest. Nicht niedlich. Keine Zielführung, wackeliges Fadenkreuz, schlechtes Aiming. In unseren Köpfchen verbleiben winzige Widerstandsgewächse des Zweifels. Das Nachdenken über das Unausgesprochene gegenüber Geistern, die man gern ungern rufen möchte. Unsere Panzergedanken liegen brach und zerstört im kargen Morgenland. Zigaretten zerfasern derweil die kalte Luft. Sie schmeckt nach zerschossenem Blei. Im Dunst des Morgengrauens werden die ohnehin schweren Gedanken müde. Keine Munition mehr übrig. Zäh zerfallen sie im Aschenbecher. Zurück auf dem Wachposten zucke ich noch dreimal, werfe mein Anstandsblinzeln auf unbeteiligte Wolken und verlasse apathisch das bezahlte Raum-Zeitkontinuum. Dann nimmt Musik uns an die Hand, führt uns in dem Raum, in dem Gedanken keinen Zutritt mehr haben und wir bleiben so lange, bis alles gut ist. Wirbel für Wirbel rollen wir ab in die Stille der harten Balkonmöbel. Wir machten aus der Nacht ins Vergessen eingehende Erinnerungen. Die Sterne des Himmels ertränken sich zusammen mit der Aufmerksamkeit im Morgenrot. Das Lichtspiel des Redens wirft keine Schatten mehr und das Augenlid verzerrt die Leere. Übrig bleiben klebrige Alkohol-Energy Becherböden und abgestandenes Hirnwasser.

Nachtrag: Labyrinthreflex – Wir fanden Atlantis nicht im Schlaf.

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