Deviance – Es ist angerichtet

Ich bekam heute wieder ein Schauspiel provinziellen Intelligenzdefizits par excellence geboten. Und ich musste nicht mal Eintritt dafür bezahlen, denn ich bekam es von mir selbst. Aber langsam. Schmerz soll man ja genießen. Wir fangen mein Leidgericht von vorne an. Man nehme ganz viel Selbsthass, eine Prise Selbstmitleid, ordentlich Zwiebeln und Verzweiflung und warte bis es überkocht. I Viola … Autopilot. Nein, ganz so einfach ist dieses Rezept natürlich nicht mehr. Man gieße also auch noch mehrere Schluck Realität in einen Becher und werfe Gläser ins Glashaus und fülle mich dann damit. Genau genommen muss diese Zutat exquisit von außen kommen. Manchmal stößt einen das Gestern nämlich in das Morgen und man hat keine Gegenwart, um einfach da zu sein. So auch an diesem Abend. Ein paar Gestalten aus der Vergangenheit rissen ein paar Seiten aus meinem Prolog und einige unnötige Aspekte meiner Darseinsgeschichte heraus und machten damit ein Feuer. Ich bin ein offenes Kochbuch für Andere. Jetzt mussten sie es nur noch lesen lernen. Wie viele von uns haben Taten ihrer „früheren Leben“ tief begraben, haben sie verdrängt, vielleicht sogar vergessen. Taten, die nicht mehr mit dem, was sie heute zu sein glauben, übereinstimmen. Dinge, für die sich heute schämen würden und bei denen es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gab, gibt und geben wird.

Jeder von uns hat seine eigenen Lebenslügen. Menschen mit Problemen werden meisterhafte Schauspieler. Lebensmotto Tarnkappe. Kaum etwas definiert uns besser als das, was wir verstecken oder zu verstecken versuchen. Möchte man also seine Fassade erhalten oder Illusionen einreißen? Mein angemixter Cocktail an Emotionen begann also überzukochen. Eine klare Schutzreaktion, bei dieser Überhitzung, ist mein interner Bimetallstreifen. Ich fahre alle Abwehrmechanismen hoch und blocke jeden Versuch mich wieder betriebsbereit und funktionstüchtig zu bekommen. Der Autopilot. So kann ich im Höhenflug krass tief abgehen und bin für Menschen, die mich doch eigentlich lieben, nicht mehr erreichbar. Ein verzerrtes Bild meiner selbst. Los, Unverständnis! Brüll mir laut ins Gesicht.

Wie vielen Menschen fällt es auf, wenn man bei ihnen ist, aber verschwindet? Verblasste Persönlichkeit. Die Antwort ist, dass es vielen Menschen schon auffällt. Wenn man immer alles alleine unternommen hat, stehen plötzlich die Tätigkeit und der Ort im Vordergrund. Es gibt einem Sicherheit. Es ist mir zu ungewohnt jede Hilfe anzunehmen, zu unsicher sich eines Besseren belehren zu lassen. Ich habe mit diesen Zutaten zu selten gekocht, um sicher mit ihnen umgehen zu können und ihre Wirkung im fertigen Gericht abzuschätzen und anzuerkennen. Viele versuchten mich jedoch mit Wort und Tat davon zu überzeugen. Aber noch nicht einmal einzelne Wörter haben für alle Menschen dieselbe Bedeutung. Wie soll das dann mit ganzen Sätzen funktionieren? Zu unterschiedlich sind doch die Geschmäcker. Und so endet manchmal nicht die Freundschaft, sondern die Geduld.

Jeder Mensch braucht gute Zeiten um die schlechten Zeitnarben zu flicken. Diese Pflaster reichen jedoch oft nur für einem Selbst und selten akzeptiert man die Not einem anderen Menschen sein eigenes Verbandszeug abzugeben und selbst mit Wunden zurück zu bleiben. Es ist aber eben auch wichtig Wunden zu lecken, die in ihren Tränen echte Überwindung und auch Transzendenz versprechen. Wenn schon alle internen Spiegel verhängt sind, bleibt nur noch die blasse Reflexion der Schaufenster mit all den bunten Produkten der anderen Menschen, die billigeren Umsatz versprechen. Als Kind hat man mir stets gesagt, wann ich gefälligst glücklich sein sollte – heutzutage weiß ich es immer erst hinterher. Ich hasse mich dafür ein kleines Stück Glück nicht genießen zu können, weil ich auf größere Stücke warte. Aber der Kuchen ist eine Lüge. Es gibt kein größeres Stück. Es gibt Krümel. Kleine Happen zugeworfen, damit man nicht verhungert und das Elend bei der Stange hält. Man muss im Leben nicht immer alles richtig machen, denn auf Grabsteinen stehen keine Noten. Ich bin schwer enttäuscht von mir. Wie eigentlich meist. Wie eigentlich immer. Aber ich lerne daraus und es wird besser. Es wird besser. Verzeihung und Vergebung sind mir neue und liebe Zutaten, die ich nur schwer und hoffentlich noch oft im Bioladen meines Vertrauens bekommen kann. My Circus. My Monkeys.

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